Kannibalismus/Kloakenkannibalismus

Beim Kloakenkannibalismus handelt es sich um eine Unart, bei der ein oder mehrere Hühner anderen Hühnern durch das Bepicken rund um die Kloake erheblichen Schaden zufügen, der nicht selten mit dem Tod der bepickten Hühner endet. Eng mit dem Kloakenkannibalismus „verwand“ sind zudem der allgemeine Kannibalismus sowie das Feder- bzw. Zehenpicken.
Obwohl Kannibalismus ebenso wie Federpicken unter Geflügelhaltern seit Generationen bekannt ist, konnte auch die moderne Forschung dieses unerwünschte Fehlverhalten bisher nicht restlos aufklären.

Die Ursachen sind nicht immer klar ersichtlich und in der Regel multifaktoriell. Ebenso kann bei diesem Fehlverhalten, das sich als fehlgeleitete Futtersuche interpretieren lässt, auch nicht auf besonders unruhige oder nervöse Tiere bzw. Hühnerherden geschlossen werden. Vornehmlich sind es gerade die ruhigen, zumeist braunen Hybridhennen, die diesen abnormalen Picktrieb zeigen.

Vorstufen und Formen vom Kannibalismus

Wie eingangs bereits erwähnt, handelt es sich beim Kloakenkannibalismus um eine Verhaltensstörung unter Legehennen, die sich als Folge zahlreicher Faktoren zeigt.

  • Federpicken: Als eine Art Vorstufe zum Kannibalismus bzw. zum Kloakenkannibalismus kann oftmals das Federpicken beobachtet werden. Hierbei wird durch gezielte Pickschläge gegen Artgenossen einzelne Feder herausgepickt und gefressen. Bevorzugt sind Stellen an Hals, Rücken, Flügeloberseiten und Schwanzansatz.
  • Kannibalismus: Der Übergang zum Kannibalismus kann durch Verletzungen der durch das Federpicken malträtierten Tiere weiter forciert werden. Kleinste blutende Wunden regen das Huhn mit dem fehlgeleiteten Picktrieb weiter an, sodass die Verletzungen bei dem betroffenen Huhn immer schwerwiegender werden – ein Teufelskreis.
  • Kopfkannibalismus: Hierbei beschränkt sich das massive Picken auf den Kopf und die Kopfanhangsgebilde wie Kamm und Kehllappen.
  • Zehenkannibalismus: Beim Zehenkannibalismus sind die Zehen Opfer des Picktriebes, was bis zum Zehenverlust führen kann. Das Bepicken der Zehen kann dabei spontan an gesunden Zehen der Artgenossen erfolgen oder durch vorhandene leicht blutende Verletzungen weiter forciert werden. Massiven Blutungen und die schlechte Heilung von Zehenverletzungen führt nicht selten zum Verbluten der betroffenen Tiere. Häufig sind weiß Legehybridhennen für diese Art des Kannibalismus prädestiniert.
  • Kloakenkannibalismus: Hierbei handelt es sich um ein gezieltes Bepicken der Kloake. Vornehmlich wird die Kloake der Artgenossen beim Legeakt angepickt da hierbei die rote Haut des Legedarms etwas vorfällt und fehlgeleitete Hennen zum Picken animiert. Das Ausmaß kann so enorm sein, dass vom Kloakenkannibalismus betroffene Hennen buchstäblich von hinten aufgefressen/ausgeweidet werden. Verbreitet ist diese Form des Kannibalismus insbesondere bei braunen Legehybriden.

Um ein Ausbreiten des Kannibalismus in der Hühnerherde zu vermeiden ist ein frühzeitiges Erkennen und Ausmachen der Auslösemechanismen von großer Wichtigkeit.

Ursachen vom Kloakenkannibalismus

Die Ursachen sind mannigfaltig und treten nicht selten in Kombination auf. Dennoch ist es manchmal nicht ganz einfach, eine handfeste Ursache für den Kloakenkannibalismus zu finden. Mögliche Auslöser für einen Kloakenkannibalismus sind:

Krankheiten

Eine Verwurmung (Spulwürmer) kann als Auslöser für einen Kloakenkannibalismus ebenso möglich sein wie eine Coliinfektion oder eine Infektion mit Mykoplasmen oder Kokzidien. Kotproben bzw. Blutuntersuchungen geben über die Gesundheit im Bestand schnell Aufschluss und können so als Ursache benannt oder eben ausgeschlossen werden.

Haltung

In Punkto Haltung ist es vor allem das Licht, was gerne zu einem Kloakenkannibalismus führt. Direkte Sonneneinstrahlung oder zu helles Stalllicht (über 20 Lux) sollten vermieden werden. Insbesondere im Legebereich sollte es möglichst dunkel sein, damit der hervortretende Legedarm nicht durch das einscheinende Licht an Attraktivität gewinnt.

Auch die Stallluft trägt ihren Teil zum Kannibalismus bei. Ist der Ammoniakgehalt zu hoch bzw. die Einstreu zu feucht, das Stallklima zu warm, kann auch das zu Kannibalismus führen.

Ebenso ist die Besatzdichte kritisch zu begutachten. Zu hohe Besatzdichten mit wenig Platz und Auslauf für die einzelnen Tiere fördert Verhaltensstörungen ebenso wie mangelnde Beschäftigung.

Fütterung

Kannibalismusfördernd gelten verunreinigte Futtermittel ebenso wie unreines Trinkwasser. Auch eine Unterversorgung mit Magnesium (geringer Salzgehalt im Futter) und Eiweiß, insbesondere mit den Eiweißbausteinen Methionin und Cystein können zu Verhaltensstörungen bei Legehennen führen. Ist die Futterstruktur zu fein oder fehlt es an Grit kann das ebenfalls zu Problemen führen.

Gegenmaßnahmen bei Kloakenkannibalismus

Zunächst gilt es, die vom Kannibalismus betroffenen Hühner zu separieren und den oder die Verursacher ausfindig zu machen. Bis zum Abheilen der Verletzungen sollten die angepickten Hühner in Quarantäne gehalten werden um keine weitere Animation auf das kannibalistische Huhn auszuüben. Bei nicht schwerwiegenden Verletzungen kann Blauspray (zur Tierdesinfektion, nicht Blauspray zur Flächendesinfektion) die Wunden zum einen desinfizieren und zum anderen das pickende Huhn vom Fortführen seiner Handlungen aufgrund der nun nicht mehr attraktiven Farbe abhalten. Im Handel sind weitere Präparate zum Bestreichen der Kloakengegen erhältlich, auch diese sollen durch das Übertünchen der „roten“ Haut nun auf das pickende Huhn nicht mehr anziehend wirken. Ebenfalls im Handel erhältlich sind so genannte Kannibal-Sprays mit unangenehmem Geruch, die das eingesprühte Huhn vor Übergriffen durch pickwütige Artgenossen schützen sollen.

Als weitere Maßnahme sollte auf Ursachensuche gegangen werden. Hierzu sollten die möglichen Auslöser entsprechend abgestellt werden. Das heißt, eventuelle Krankheiten müssen ausgeschlossen bzw. behandelt werden.

Das Stallklima ist ebenso wie die Fütterung auf ein Optimum zu bringen. Frische geruchfreie Stallluft, die auch im Sommer nicht zu warm sein sollte, keine direkte Sonneneinstrahlung.

Das Überstreichen der Stallfenster mit roter Farbe hat sich bewährt, da hierdurch rote/wunde/blutende Stellen bei Artgenossen nicht mehr rot und somit animierend erscheinen.

Gelb-rotes Licht anstatt weißem Licht hat sich ebenfalls im Kampf gegen den Kannibalismus bewährt, da es für die Hühner angenehmer scheint. Niederfrequenz-Leuchtstoffröhren sollten gänzlich gemieden werden, da sie vom Huhn als Dauerflackern wahrgenommen werden und Stress verursachen.

Genügend Platz und Beschäftigung sollte außerdem gegeben sein. Für ein Mehr an Beschäftigung sorgen zum Beispiel unterschiedliche Zonen in Stall und Auslauf (Rückzugsbereiche, Ruhezonen, separater abgedunkelter Legebereich mit kleinen, geschlossenen Nestern um andere Hennen beim Legeakt fernzuhalten.

Ytong- oder Betonsteine zum Schnabelwetzen, Pickboden, frisches Gemüse am Stück (Salate oder Rüben), etc. Ist die Ursachenforschung abgeschlossen und sind alle Möglichkeiten der Optimierung ausgeschöpft, so können sich fehlgeleitete Hühner zum Teil wieder „normalisieren“.

Bei einigen Exemplaren ist jedoch keine „Heilung“ möglich, sie bleiben auch unter optimalen Bedingungen dabei, ihre Artgenossen anzupicken und sämtliche Vorbeuge- und Bekämpfungsmaßnahmen bleiben ohne Erfolg. Hier hilft dann nur noch die Erlösung durch den Tod.